Meinung | Schule

Einschulen oder ein Jahr warten? Lasst den Kindern ihre Zeit!

Februar 28, 2019

Immer wieder stehen Eltern vor der schwierigen Entscheidung: Sollen wir unser Kind einschulen, oder würde ihm ein weiteres Jahr im Kindergarten guttun? Was ist das Beste für unser Kind? Sollte es noch ein Jahr in der Kita spielen dürfen, oder wird es in der Schule besser gefördert? Aus meiner Erfahrung kann ich ganz klar sagen: Eltern, die ihre Kinder zu früh einschulen, tun ihnen damit häufig keinen Gefallen.

Um vorneweg gleich eins klar zu stellen: Jedes Kind ist anders, jedes Kind hat andere Fähigkeiten und Talente, jedes Kind hat sein eigenes Entwicklungstempo. Daher ist es schlicht nicht möglich, pauschal über den richtigen Zeitpunkt zur Einschulung zu urteilen. Das ist auch nicht mein Anliegen. Vielmehr möchte ich euch von meinen Erfahrungen als Lehrerin und als Mama eines Kann-Kindes berichten. Entscheiden müsst ihr selber.

Junge Kinder in der ersten Klasse

Als Lehrerin habe ich häufig in ersten Klassen unterrichtet und die Kinder in den Hofpausen im freien Spiel beobachten können. Immer wieder gab es Situationen, in denen ich erlebt habe, wie überfordert die jüngsten unter ihnen sind und mir gewünscht, dass sie ihr kindliches Spiel ohne den Druck und die Strukturen der Schule ausleben könnten.

Da gab es Kinder, die permanent im Unterricht eingenässt haben. Für mich als Lehrerin kein Problem, dann werden eben schnell die Turnsachen angezogen. Für die Kinder eine wiederkehrende Scham.

Kinder, die sich bitterlich mit der richtigen Stifthaltung abmühten und vor lauter Frust und Verzweiflung irgendwann aufgaben und nur noch nach ihrer Mama weinten.

Kinder, die ohne einen Kita-Freund eingeschult worden waren und sich immer alleine die Zeit vertrieben. Sie waren einfach zu schüchtern, um auf neue Kinder zuzugehen und sich einer Gruppe anzuschließen.

Versteht mich nicht falsch – ich rede hier ausschließlich von Schülern, die aufgrund ihres Alters durchaus noch ein Jahr in der Kita hätten verbringen können. Ich möchte auch nicht behaupten, dass sie durchweg unglücklich in ihrer Klassensituation waren, aber sie taten sich deutlich schwerer mit den neuen Umständen als ihre Klassenkameraden.

Macht das frühe Einschulen überhaupt Sinn?

Abgesehen von den emotionalen Bedürfnissen der Kinder habe ich mich auch immer gefragt, welchen Lernzuwachs sie eigentlich durch frühes Einschulen erreichen. In der Schuleingangsuntersuchung wird zwar kontrolliert, ob das Kind die grundlegenden Fähigkeiten zum Schulbesuch aufweist. Die Frage ist doch aber, inwieweit sie diese Fähigkeiten auch abrufen können, wenn um sie herum 25 andere Kinder beschäftigt sind. Wenn gequatscht wird, Schwierigkeiten bei einer Aufgabenstellung auftreten oder andere Ablenkungen die Aufmerksamkeit binden. Kann dann noch effektiv gelernt werden?

So vergeht das erste Schuljahr und man muss sich fragen: Was bleibt? Was hat das Kind gelernt – und wie wichtig ist das eigentlich?

Ist es wirklich wichtig, bereits mit fünfeinhalb Jahren erste Wörter schreiben zu können, die hart erarbeitet wurden? Welchen Gewinn bietet in diesem Alter die Fähigkeit, den Zahlenraum von 1-20 zu beherrschen? Grundlegende Kompetenzen für die weitere Schulbildung, gar keine Frage. Dennoch sind meiner Meinung nach andere Prägungen, welche die Kinder in dieser Zeit erwerben, weitaus wichtiger.

Für mich ist dabei die Entwicklung des Selbstwertgefühls von zentraler Bedeutung. Erlebt sich das Kind als kompetent in seinen Handlungen oder hat es gelernt, dass seine Ausführungen (beim Schreiben, Rechnen…) trotz großer Anstrengungen kaum dem Klassendurchschnitt entsprechen? Nimmt es sich als erfolgreich wahr, oder ist es frustriert von seinen Mitschülern, denen die Arbeiten scheinbar leichter von der Hand gehen. Diese Denkweisen sind oft ausschlaggebender für den zukünftigen Schulerfolg, als der frühe Erwerb von rein fachlichen Kompetenzen.

Was unsere Kinder stark macht

Überspringen wir mal ein paar Jahre und werfen einen Blick in die fünfte Klasse. Mein Sohn war ein Kann-Kind, auf Grund seines Geburtsdatums hatten wir die Wahl, ob er mit fünf, oder erst mit sechs Jahren eingeschult werden sollte.
Natürlich finde ich mein Kind toll und bin überzeugt von seinen Fähigkeiten. Dennoch habe ich mich dazu entschieden, ihn ein weiteres Jahr in der Kita zu belassen. Warum? Eben weil ich gesehen habe, dass er noch Zeit braucht. Dass er vielleicht in einigen Bereichen reif war – in anderen dafür aber absolut nicht. Das letzte Kita-Jahr war für mich die Basis, um meinem Kind eine erfolgreiche weitere Schulkarriere zu ermöglichen.

Dabei meint erfolgreich nicht nur die Zensuren, sondern eben auch die Selbstwahrnehmung, ein positives Selbstwertgefühl. In diesen zwölf Monaten konnte er Fähigkeiten ausbauen, ohne die effektives Lernen in der Schule nicht möglich ist: Schaukeln, rückwärts hüpfen, Naturerfahrungen machen, sich in einer Gruppe gleichaltriger behaupten. Kompetenzen, die häufig als „Spielerei“ abgetan und somit in ihrer immens wichtigen Wirkung verkannt werden.

Jedoch haben Kinder, die nicht rückwärtslaufen oder schaukeln können, häufig große Probleme in Mathematik. Sie tun sich immens schwer mit der Subtraktion, einfach weil ihnen die räumliche Vorstellung von zurück fehlt. Für den Schriftspracherwerb ist eine ausgereifte Feinmotorik Voraussetzung, denn nur so können enge Bögen geschwungen und eine entspannte Stifthaltung erlernt werden. Wer im vorschulischen Bereich tausendmal den Pinzettengriff geübt hat, kleine Steine in einen Eimer geworfen oder unzählige Bilder (aus-)gemalt hat, ist hierbei klar im Vorteil.

Kinder lernen beim Spielen. Spielen bedeutet Lernzuwachs auf vielen verschiedenen Ebenen. Spielzeit ist gut investierte Zeit. Diese Tatsache sollten wir uns als Eltern immer wieder vor Augen halten.

Natürlich erleben auch Kinder, die nach ihrem sechsten Geburtstag eingeschult wurden, in der Schule neue und für sie schwierige Herausforderungen. Auch ihnen gelingt nicht alles reibungslos, muss es auch gar nicht. Aber sie verfügen oft (nicht immer) über bessere Strategien, um mit Misserfolgen umzugehen, sich nicht durch Fehler entmutigen zu lassen und eine aktive Rolle in der Klassengemeinschaft einzunehmen.

Ebenso gibt es Kinder, die sich trotz ihres frühen Einschulungsalters in der Schule wohlfühlen, die Unterrichtsinhalte problemlos verstehen und Freude an neuen Aufgaben und Situationen haben. Eine frühe Einschulung bedingt nicht zwangsläufig bei jedem Kind Probleme. Aus meiner Erfahrung kann ich jedoch sagen, dass ein weiteres Jahr Kindergarten manchmal mehr Lebensschule ist, als die Grundschule das sein kann.

 

Habt ihr Anmerkungen oder Fragen? Dann immer her damit und direkt ins Kommentarfeld schreiben.

Und falls ihr noch weitere Fragen zum Thema Einschulung habt, dann ist dieser Beitrag sicherlich genau das richtige für euch. Dort beantworte ich die 10 häufigsten Fragen, die im Zusammenhang mit dem Thema Einschulung auftauchen. Solltet ihr ältere Kinder haben, die immer wieder Angst vor Zensuren oder ihrem Zeugnis haben, dann findet ihr hier Unterstützung.

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  1. Liebe Stefanie, ich finde es toll, wie umsichtig du dich um die Einschulung deiner Tochter kümmerst! Wichtig ist zum einen, was dein Kind möchte. Zum anderen natürlich auch die Informationen der Erzieherinnen und deine (möglichst objektive) Einschätzung der Fähigkeiten deiner Tochter. So wie du es beschreibst, würde ich auch eher zu einer Einschulung tendieren. Mit 6 Jahren ist sie auch nicht mehr so jung wie andere ‚Kann‘-Kinder. Unterstütze Fiona in ihrer Motivation und ihrer Freude am Lernen weiterhin, dann wird sie sicherlich einen guten Schulstart haben.
    Melde dich gerne bei weiteren Fragen.
    Alles Liebe für euch, Viola

  2. Hallo Viola,

    vielen Dank für diesen ausführlichen Bericht. Ich habe ihn mit großem Interesse gelesen, weil ich gerade vor der Entscheidung stehe, meine Tochter, die im Juli 6 Jahre alt wird, im August 2019 einzuschulen. In Niedersachsen gilt sie als Flexi-Kind und muss noch nicht in die Schule.
    Bisher gab es für mich keine andere Antwort als Ja, Fiona kommt 2019 in die Schule.
    Bei der Schuleingangsuntersuchung wurde sie im Februar abgelehnt. Sie hat bitterlich geweint und ich war geschockt. In Gesprächen mit der Vorschullehrerin und der Bezugserzieherin wurde uns geraten, sie noch ein Jahr spielen zu lassen. Die Vorschullehrerin minte jedoch auch, dass sie sich weitaus gebessert hat und mittlerweile die Aufgabenstellung nachvollziehen kann. Wenn ich jedoch deinen Bericht lese kann ich im Großen und Ganzen sagen: “Ja, das kann mein Kind!”
    Meine Tochter möchte gern dieses Jahr in die Schule kommen, weil sie lesen, schreiben und rechnen lernen möchte. Sie sagt, es mache ihr Spaß. Sie klann sich konzentrieren und ist mit Ausdauer dabei, Aufgaben zu Ende zu bringen.
    Wir müssen uns zwar erst zum Mai hin entscheiden, oder können es noch länger hinauszögern, doch ich selbst weiß nicht, was richtig ist. Kannst du mir helfen?

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