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Schule

Freizeitstress bei Kindern: Wenn keine Zeit zum Spielen bleibt

September 23, 2019

Fußball, Reiten, Gitarre spielen: Hobbys sind etwas Wunderbares. Sie fördern die Talente unserer Kinder, lehren sie neue Fähigkeiten und erweitern den Freundeskreis. Dagegen ist absolut nichts einzuwenden, vielmehr ist es schön, wenn Eltern ihrem Sprössling ein nachmittägliches Hobby ermöglichen können. Doch was passiert, wenn nachmittägliche Aktivitäten zum Freizeitstress werden?

Ich bin eine große Verfechterin des freien Spiels. Wieso? Weil ich der Meinung bin, dass Kinder jedweder Altersstufe dabei viel lernen. Von sozialen Komponenten über haptische Erfahrungen bis hin zu naturkundlichen Experimenten bietet das freie Spiel alles, was Kinder brauchen, um sich ihre Lebenswelt zu erschließen. Es ist eben nicht „nur“ Spielen, es ist Lernen mit allen Sinnen.

Freizeit als Ausgleich

Besonders als Ausgleich zu einem vollen Schultag ist es wichtig, den Kindern Entspannungsphasen zuzustehen. Wie diese Phasen aussehen ist individuell verschieden. Während ein Kind nach der Schule mit einem (Hör-)buch entspannt, ist das andere vielleicht lieber draußen und sucht sich dort seinen Ausgleich.

Richtige oder falsche Entspannung gibt es nicht. Ein Kind hat das Bedürfnis nach Ruhe, das andere erholt sich durch körperliche Betätigung von den Anstrengungen eines Schultages. In jedem Fall sollten diese Entspannungsphasen selbstbestimmt sein und sich ausschließlich nach den Bedürfnissen des Kindes richten.

Leider bleibt Kindern häufig keine Zeit, um sich auf ihre individuelle Art und Weise von der Schule zu regenerieren. Es ist kaum zu glauben, aber einige Kinder befinden sich mittlerweile in einem regelrechten Freizeitstress, der ihnen zu wenig Freiräume lässt. Ihre Zeit ist von Montag bis Freitag verplant, teilweise mit mehreren Aktivitäten pro Nachmittag. Von Fußball bis Hockey, von Flöte bis Klavier, von Mathe- bis Englischnachhilfe. Am Wochenende kommen dann noch die Vereinsspiele oder Aufführungen hinzu, so dass teilweise nicht einmal dann ausgeschlafen oder frei über den Tag verfügt werden kann.

Freiräume für Verabredungen mit Freunden? Fehlanzeige. Als Lehrerin habe ich Schüler erlebt, die mir erklärten, dass sie für die Hausaufgaben leider keine Zeit gehabt hätten. Sie wurden direkt nach der Schule abgeholt und waren dann so lange unterwegs, dass für die Erledigung der Hausaufgaben schlichtweg keine Möglichkeit bestand. Und übrigens könne ich mir gleich vormerken, dass dies jede Woche an diesem Tag so sein würde.

Falsche Prioritäten

Tja, leider kann ich mich als Lehrerin mit dieser Aussage nicht begnügen. Ich habe die fehlende Hausaufgabe einmal durchgehen lassen, allerdings mit dem Hinweis, dass dies in Zukunft nicht mehr möglich sein werde. Das Kind tat mir leid, denn es war durch die Planung der Eltern in diese Situation gekommen, nicht durch eigenes Verschulden.

Nun ist es ja nicht so, als ob meine eigenen Kinder keine Hobbys hätten, die ihre Nachmitttage belegen. Wie bereits oben erwähnt finde ich das auch gut und wichtig – es muss sich allerdings im Rahmen halten. Zweimal Fußballtraining pro Woche ist bei meinem Sohn der Normalfall und diese anderthalb Stunden tun ihm jedes Mal aus Ausgleich zum langen Sitzen in der Schule gut. Zudem bleibt vor und nach dem Training genügend Zeit, um Hausaufgaben zu erledigen oder für Tests zu lernen. Ebenso sieht es beim Reitunterricht meiner Tochter aus. Hobby ja, Freizeitstress nein.

Fußball Hobby Freizeitstress

Wichtig ist ein gesundes Mittelmaß, bei dem das Kind von seinem Hobby profitiert und sich nicht davon unter Druck gesetzt fühlt. Auch zu Lasten der Schulleistungen sollten die nachmittäglichen Termine nicht gehen. Die Schule hat Priorität, nicht das Hobby.

Kinder brauchen ihre eigene Zeit

Viele Eltern meinen es gut, wenn sie ihrem Kind möglichst viele Aktivitäten ermöglichen. Es bekommt somit die Chance, unterschiedliche Hobbys auszuprobieren und selber herauszufinden, was zu ihm passt. Ein guter Gedanke, bei dem jedoch das Zeitfenster bedacht werden sollte. Zum einen muss kein Kind innerhalb eines (Schul-)jahres sämtliche Dinge ausprobieren, die eventuell seinen Interessen entsprechen könnten. Dafür ist auch im Laufe von zwei bis drei Jahren genügend Zeit. Zum anderen sollte bei der Anmeldung zu neuen Kursen darauf geachtet werden, dass maximal eine Aktivität pro Nachmittag stattfindet. Und das ist meiner Meinung nach schon (zu) viel.

Wie immer gibt es Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Ich habe selber in der Familie ein Kind, das Leistungssport betreibt und somit jeden Tag volles Sportprogramm hat. Da kann es keine Ausnahme geben. Und es gibt Kinder, die trotz voller Nachmittage sozial eingebettet und erfolgreich in der Schule sind. Jedes Kind ist anders und hat seine ganz eigenen Bedürfnisse. Pauschalisieren bringt da wie immer wenig, doch wir sollten bewusst auf unsere Kinder hören.

Mich hat die Not mancher Kinder, die ich immer wieder vormittags in der Schule erlebt habe, nie ganz losgelassen. Sie bemühen sich, den Ansprüchen ihrer Eltern gerecht zu werden – und machen von daher alles mit, was an sie herangetragen wird. Auch wenn die Eltern das im besten Glauben machen, möchte ich doch gerne diesen Kindern eine Stimme geben: Lasst ihnen Zeit, lasst sie spielen und lasst sie einfach Kind sein.

Wir unterschätzen unsere Kinder viel zu oft. Sie werden sich ihre Hobbys in ihrem eigenen Tempo suchen und ihre Interessen schulen – wahrscheinlich noch mit viel mehr Ausdauer und Enthusiasmus, als das durch Freizeitstress erreicht werden kann.

Welche Hobbys haben eure Kinder? Achtet ihr darauf, dass ihnen genug freie Zeit bleibt? Erzählt mir davon, am besten direkt in den Kommentaren.

Dieser Beitrag wurde auch im Print Magazin Schule veröffentlicht. Es erscheint alle zwei Monate und bietet viele spannende und wichtige Informationen für Eltern von Schulkindern. Hier könnt ihr einen Blick ins Heft werfen, meinen Artikel zum Thema Freizeitstress findet ihr auf Seite 36 🙂 

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  1. Liebe Michi, genau so sehe ich das auch! Hobbys in Maßen sind ja toll, aber freies Spiel ist genauso lehrreiche Zeit!
    Da haben wir ja genau die gleiche Kinderkombination, lustig 😉
    Alles Gute für dich und deine Bande,
    Viola

  2. Hallo Viola, ich bin ganz deiner Meinung! Meine vier Kinder lasse ich mit Hobbies weitestgehend in Ruhe. Meine große hat einige Jahre Gitarre gelernt, jetzt macht sie lieber Akrobatik. Die drei kleinen sind 6 und fast 4+4, die gehen keinem Hobby nach. Sie wollen einfach nur spielen. Ich bin selber Sozialpädagogin und sehe wie verplant Kinder jeden Nachmittag sind. Keine Zeit zum Spielen. Das ist so schade, denn im freien Spiel passiert ja eine Menge.

  3. Hey du, genau so sehe ich das auch! Langeweile kann sehr gut tun und durchaus förderlich sein. Muss man aber auch als Eltern aushalten können 😉
    Liebe Grüße
    Viola

  4. Ich finde die freie Zeit für sich – ob nun völlig frei oder als Hobby im Verein – erstmal den Hausaufgaben vorrangig. In der Schule waren die Kinder ja schon und haben fleißig gebüffelt, am Nachmittag ist dann die Freizeit dran 🙂 Da sollte aber auch mal Leerlauf sein, genau wie du schreibst, und gerne auch Langeweile. Man munkelt, aus der Langeweile entstehen die besten Ideen 🙂

  5. Wow!
    Danke für diesen tollen Beitrag!
    Aus dem Mund/aus den Fingern einer Pädagogin ist das nochmal schöner zu lesen! 🤗 Ich bin total deiner Meinung in jeder Hinsicht! Freies Spiel, frei sein und frei über die eigene Zeit verfügen zu dürfen ist ein wertvolles Gut, das wir unseren Kindern auf keinen Fall nehmen sollten!
    Alles Liebe!

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