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Hausgeburt mit Wehensturm: Selbstbestimmte Geburt beim zweiten Baby

Juli 23, 2020

Hanna ist Mutter von zwei Kindern. Nach einer nicht so schönen ersten Geburt entschließt sie sich, ihr zweites Baby per Hausgeburt auf die Welt zu bringen. Wie sie diese Entbindung erlebt hat erzählt sie heute bei Mama&Co:

Bei meiner ersten Geburt in Berlin war ich im Krankenhaus, wie die meisten Mütter in Deutschland. Ich selbst wusste nicht, wie es sich anfühlt, ein Kind zu bekommen und die Hebamme war kaum anwesend, weil so viele Geburten gleichzeitig stattfanden. Darum blieb lange unentdeckt, dass meine Wehen zu heftig und ohne Pause waren. Ein sogenannter Wehensturm, wie ich im Nachhinein lernte. Mit Medikamenten gut in den Griff zu bekommen. Obwohl das Risiko hoch war, dass ich auch beim zweiten Kind einen Wehensturm erfahren würde, entschied ich mich schließlich für eine Hausgeburt. Warum will ich jetzt erzählen.

Was ist ein Wehensturm

„Als Wehensturm – in der Fachsprache hyperaktive Wehentätigkeit – bezeichnet man krankhaft gesteigerte Wehen. Sie sind entweder zu stark (> 80–90 mm Hg) oder zu häufig (mehr als 4–5 pro 10 min). Bei einem Wehensturm besteht die Gefahr einer Uterusruptur.“ So definiert Wikipedia den Wehensturm. Meist passiert das, wenn die Geburt mit einer Oxytocin-Gabe eingeleitet wurde. In meinem Fall aber passierte es vermutlich, weil ich so viel Fruchtwasser hatte. In der ersten wie auch zweiten Schwangerschaft war diese am oberen Limit der Normwerte. Wenn die Fruchtblase platzt und das Fruchtwasser die Gebärmutter verlässt, regt das bei Frauen Wehen an. Eine sinnvolle Einrichtung der Natur, denn mit offener Fruchtblase sollte die Geburt nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen. In meinem Fall allerdings ein Problem. Denn je mehr Fruchtwasser abgeht, desto stärker werden die Wehen stimuliert.

Was kann man tun bei einem Wehensturm

Wenn ein Wehensturm rechtzeitig bemerkt wird, kann man medikamentös mit Wehenhemmern entgegen wirken, sodass ein Risiko für das Baby ausgeschlossen ist. Im Krankenhaus damals wurde die Komplikation relativ spät bemerkt und ich musst dreimal Wehenhemmer bekommen, damit die Wehen zumindest ein paar Minuten nachließen. Später brauchte ich dann einen Wehentropf, denn die Wehen ließen zu stark nach. Ein typischer Vorgang bei Krankenhausgeburten, wie ich später lernte. Ein Eingriff in den Geburtsverlauf zieht häufig weitere nach sich. Am Ende kam mein erster Sohn übrigens mit der Saugglocke und unter Androhung eines Dammschnittes zur Welt. Die Hebamme drückte oben auf meinen Bauch, während ich presste, ohne wirklich Wehen zu spüren. Die Folgen begleiten mich bis heute.
Es gibt theoretisch auch die Möglichkeit, die übermäßigen Wehen selbst in den Griff zu bekommen. Ohne Medikamente, dafür mit geeigneten Entspannungstechniken oder Hypnobirthing.

Warum ich mich für eine Hausgeburt entschied

Wegen dieser Problematik war für mich zum Anfang der zweiten Schwangerschaft klar, dass ich in ein Krankenhaus gehen würde zur Entbindung. Immerhin war damit zu rechnen, dass ich medikamentöse Unterstützung benötigen würde. Diesmal, so der Gedanke, war ich ja vorbereitet und konnte Bescheid geben, dass die Wehen zu stark waren.
In der zweiten Hälfte der Schwangerschaft las ich dann „Meisterin der Geburt“ von Jobina Schenk  (Affiliate Link). Meine Nachbarin hatte es mir recht wortlos in die Hand gedrückt. Dieses Buch war für mich ein Augenöffner. Über mich, über die erste Geburt und was mich damals so traumatisiert hatte. Es geht viel um das Thema Alleingeburt bzw. selbstbestimmte Geburt und warum in jeder von uns alle Kräfte stecken, die sie dazu braucht.
Zum Ende der Lektüre war für mich plötzlich klar, dass eine Hausgeburt der richtige Weg wäre. Die äußeren Bedingungen hier waren perfekt, weil wir außer der einen Nachbarin, die sich sehr über meine Entscheidung freute, niemanden sonst auf dem Hof hatten. Mein Bauchgefühl gab mir klar zu verstehen, dass eine selbstbestimmte Geburt ohne Interventionen meine erste Geburtserfahrung relativieren bzw. heilen könne. Mein Körper kann das selbst, ich brauche keinen Eingriff und keine Medikamente.

Über die Vor- und Nachteile einer Hausgeburt habe ich mich ausführlich informiert und auf meinem Magazin Mutterintinkte.de geschrieben.
Und der Wehensturm? Plötzlich war die Angst davor nur noch ganz klein und leise. Ich würde, so mein fester Vorsatz, das Ganze selbst in den Griff bekommen – sollte es zuhause überhaupt so weit kommen. Denn immerhin war es gut möglich, dass auch der Stress der Autofahrt und die fremde Umgebung in der Klinik dazu beigetragen hatten, dass die Fruchtblase frühzeitig geplatzt war.

Hebamme für die Hausgeburt finden

Doch wo sollte ich, in Zeiten des Hebammenmangels, mitten auf dem Land im Nirgendwo, eine Hausgeburtshebamme finden? Selbst für eine Nachsorgehebamme ohne Rufbereitschaft war ich viel zu spät dran! Ich vertraute darauf, dass sich alles irgendwie fügen würde und recherchierte trotzdem. Es gab eine Hebamme in der näheren Umgebung, die noch Hausgeburten anbietet. Sie war bereits voll, empfahl mir aber eine weitere Hebamme. Dass diese mehr als eine Stunde zu fahren hat, wurde mir erst klar, als sie auf meine E-Mail antwortete und ich die Signatur las. Trotzdem erklärte sie sich bereit, zu kommen. Für mich war das wie ein Wunder. Eine Fügung. Die Hausgeburt war also tatsächlich möglich.

Hausgeburt trotz Blutungen

Doch mein Schwangerschaftsverlauf schien meinen festen Willen immer wieder prüfen zu wollen. Ich hatte seit der 18. SSW leichte bis mittelschwere Blutungen vom Plazentarand, die laut Gynäkologen zum Ende der Schwangerschaft aufhören sollten. Sie hörten aber nicht auf. Im Krankenhaus, wo ich immer wieder stationär überwacht wurde, sagte man mir, dass das Risiko für Komplikationen von der Plazenta dadurch nicht erhöht wäre. Auch meine Hebamme machte sich keine Sorgen. Meine Gynäkologin allerdings schlug schon bei der Andeutung einer Hausgeburt Alarm. Sie redete, als wäre das ein sicheres Todesurteil für mich und mein Kind.
Immer wieder zweifelte ich.

Die Geburt beginnt

Als bei 35+6 die Wehen einsetzten, kam auch wieder ein wenig Blut. Weil die Geburtswehen diesmal kaum schmerzhaft waren und ich sie darum nicht als solche erkannte, fuhr ich wie gewohnt bei Blutungen ins Krankenhaus. Dort wurde ich untersucht und mir wurde mitgeteilt, dass das Blut diesmal nicht von der Plazenta käme. Woher es kam, wusste niemand zu sagen. Obwohl das CTG Wehen aufzeichnete, wurde ich wieder nach Hause geschickt. Der Arzt erkannte die Wehen ebenfalls nicht als Geburtswehen. Zum Glück.

Ich rief meine Hebamme an und diese erklärte sich bereit, zu kommen, sollte es wirklich losgehen – auch, weil der Arzt im Krankenhaus das aktuelle Gewicht auf mindestens 3500 Gramm geschätzt hatte und überprüft hatte, dass organisch alles in bester Ordnung war. Das war am späten Nachmittag. Sicherheitshalber bereiteten wir alles vor, soweit wir konnten. Weil es noch so früh in der Schwangerschaft war, hatten wir nicht alles besorgt, was die Hebamme uns aufgeschrieben hatte. Ich dachte, ich hätte noch mindestens 4 Wochen!

Wehensturm bei Hausgeburt

Abends konnte ich nicht schlafen. Mein Mann und unser Großer lagen bereits tief schlafend im Bett, ich war auf der Couch – als plötzlich mit einem lauten Knall meine Fruchtblase platzte. Jetzt ging alles ganz schnell, ziemlich genau wie bei der ersten Geburt. Sogar die Uhrzeit war in etwa wie vor vier Jahren. Es entleerte sich schwallartig wahnsinnig viel Fruchtwasser auf unseren Teppichboden. Was vor einer Minute noch harmlose, fast schmerzhafte Wehen alle 5-10 Minuten waren, wurde mit einem Schlag zu heftigen, häufigen Wehen. Ich weckte meinen Mann und schaffte es gerade noch ins andere Haus, wo wir das Geburtszimmer eingerichtet hatten. Und dann schien es wieder zu passieren. Der Schmerz überrollte mich. Ohne Pause. Ohne Unterlass. Ich klammerte verzweifelt an einer Kommode, vorne über gelehnt. Die Hebamme, die mein Mann inzwischen angerufen hatte, würde in frühestens einer Stunde hier sein. So lange müsste ich durchhalten. Ich wusste, dass sie ein wehenhemmendes Mittel mitbringen würde. Dann könnte sie einen Krankenwagen rufen, der mich ins Krankenhaus brächte. Denn dann dürfte ich nicht mehr zuhause entbinden. Mit diesem Gedanken hielt ich eine Weile durch. Nichts wurde besser, nur schmerzhafter. Ich hatte keinen Moment, um zu verschnaufen. Oder nachzudenken. Oder mich zu sammeln. Alles, was ich über Hypnobirthing gelesen hatte, jede erlernte Entspannungstechnik, jeder Versuch meines Mannes, mir etwas anzubieten – es war einfach keine Zeit, irgendetwas anderes wahrzunehmen, als diese Schmerzen. Ich zitterte am ganzen Körper, war schweißgebadet.

Und dann, in dieser Not und gefühlt ganz alleine, fand ich eine Lösung. Irgendwo hatte ich mal etwas gelesen von „Tönen“. Ich begann also, diesen summenden Ton zu machen. Zunächst ganz leise. Dann immer lauter. Irgendwie half es, den Schmerz zu ertragen. Trotzdem denken zu können. Weil niemand außer meinem Mann da war, war es mir auch nicht unangenehm. Ich brummte und tönte also in Wellen dahin und es half! Die Pausen waren nicht lang, aber ich hatte tatsächlich etwa 20-30 Sekunden zwischen den Wehen (sogar die Wehenapp konnte ich wieder bedienen!). Ich ging zur Toilette und stellte fest, dass ich mich an den Heizkörper geklammert dort wahnsinnig wohl fühlte.

Bis die Hebamme eintraf, war es mir aus eigener Kraft gelungen, den drohenden Wehensturm in den Griff zu bekommen. Die Wehen waren immer noch stark und übermäßig schmerzhaft, aber dafür sehr effektiv. Die Hebamme war sehr zufrieden und sicher, dass es nicht mehr lange dauern würde. Tatsächlich dauerte es noch eine Stunde, bis ich meinen kleinen Sonnenschein zum ersten Mal im Arm hielt. Die Wehen waren nach wie vor über dem, was ich eigentlich ertragen konnte – doch ich ertrug es irgendwie. Und wurde belohnt.

Aus eigener Kraft gebären

Auch rückblickend würde ich nicht von einer schönen Geburt sprechen. Wohl aber von einer heilsamen. Denn die Hausgeburt hatte mir ermöglicht, was in einer Klinik oder im Geburtshaus nie möglich gewesen wäre: Ich habe aus eigener Kraft die Geburt so beeinflussen können, dass ich ein gesundes Kind zur Welt gebracht habe. Ein unbeschreibliches Gefühl, nach all der Fremdbestimmung und den traumatisierenden Erfahrungen der ersten Geburt. Ich weiß jetzt, dass ich es kann. Mein Körper es kann.

Vielleicht denkst Du jetzt, dass ich ein drittes Kind wieder zuhause bekommen würde und die moderne Medizin lieber außen vorlasse? Tatsächlich bin ich froh, dass ich in unserem Land die freie Entscheidung habe. Denn bei einem dritten Kind würde ich paradoxerweise überlegen, ins Krankenhaus zu gehen und mir eine PDA legen zu lassen. In der Hoffnung, dann eine ruhigere, schmerzärmere Geburt zu erleben. Denn das ist es doch, was ich mir wünsche. Die Geburt bewusst erleben zu können. Ohne von Schmerzen überrollt zu werden.

Trotzdem war die Erfahrung der Hausgeburt für mich der richtige Weg. Denn so weiß ich heute, das erste Geburtserlebnis besser einzuordnen. Viele Fragen haben sich mir erst im Nachhinein gestellt und viele Antworten habe ich erhalten, ohne je gefragt zu haben. Ich bin mit der Erfahrung und mit dem Krankenhauspersonal versöhnt.

Spannend, oder? Ich habe beim  ersten Lesen von Hannas Text gestaunt, denn einen Wehensturm habe auch ich bei meiner ersten Entbindung erlebt. Allerdings wusste ich nicht, dass es diesen Begriff überhaupt gibt und so dachte ich 15 Jahre lang, dass ich einfach ziemlich heftige Schmerzen hatte…

Wenn ihr mehr von Hanna lesen möchtet, empfehle ich euch einen Blick auf ihren Blog Rubbelbatz zu werfen. Viele interessante Artikel rund um Elternschaft könnt ihr dort finden.

Habt ihr Fragen rund um die Themen Wehensturm und Hausgeburt? Oder möchtet ihr euch gerne euer Geburtserlebnis von der Seele schreiben? Die Gelegenheit dazu habt ihr direkt im Kommentarfeld, oder natürlich auch gerne über eine persönliche Email an mich viola@mama-und-co.de.

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