Vergleiche von Kindern
Familienleben

Meins kann dies – was kann deins? Über unnötige Vergleiche von Kindern

Juli 20, 2020

In meinem Leben fing es an vor 15 Jahren. Und hat seitdem nicht aufgehört. Vergleiche von Kindern sind so unnötig wie ein sechster Finger an der Hand. Mein Kind kann schon krabbeln – was kann deins? Who cares, frage ich mich. Leider immer noch genügend Eltern, die mit Sicherheit stolz auf die Leistungen ihres Nachwuchses sind. Das sollen sie auch sein. Aber doch bitte auch die anderen Kinder das machen lassen, was gerade deren Entwicklungsstand entspricht.
Flashback 2005: Meine erste Tochter war im Sommer geboren und natürlich war sie für mich das Tollste, Schönste und Wunderbarste Baby, das ich je gesehen hatte. Sie war von Geburt an sehr motorisch und hatte ganz offensichtlich Freude daran, aktiv ihre Umwelt zu erkunden. Als sie alt genug war besuchte ich mit ihr eine Krabbelgruppe, denn ich wollte ihr die Möglichkeit geben, neue Impulse zu bekommen und Kontakt zu anderen Babys zu haben.

Vergleiche in der Krabbelgruppe

Etwa sieben frischgebackene Mamas waren mit mir zusammen in der Gruppe und natürlich ebenso viele Babys. Diese waren – trotz vergleichbaren Alters – ganz unterschiedlich weit entwickelt. Jedes Baby befand sich auf seiner eigenen Entwicklungsstufe und so war auch jeder kleiner Mensch mit seinem eigenen Kosmos beschäftigt: Ein Baby nuckelte an seinen Zehen, das andere robbte im Kreis herum, meine Tochter reckte ihr Ärmchen nach der unerreichbaren Sprossenwand.
Mir war aufgefallen, dass eine Mutter meine Kleine sehr intensiv betrachtet hatte. Ihr Baby war eher ruhig und beobachtete still, was um es herum geschah. „Ach“, sagte die Mutter schließlich zu mir, „du hast ja echt Glück.“ „Wieso?“, fragte ich sie. „Na, ich würde mir wünschen, dass mein Kind so aktiv wäre wie deins. Mein Sohn liegt meistens nur rum und scheint überhaupt kein Interesse an Bewegung zu haben. Alle anderen Babys sind schon so agil und ich befürchte, dass er da bald nicht mehr mithalten kann.“

Der liebevolle aber kritische Blick, mit dem sie ihr Baby bei diesen Worten bedachte, ist mir noch immer im Gedächtnis geblieben. Mir taten ihre Worte in der Seele weh. Nein, ich fühlte keinen besonderen Stolz für die vermeintlichen Leistungen meiner Tochter. Ich fragte mich, warum sie ihr Baby so kritisch mit anderen Gleichaltrigen verglich, anstatt es einfach in seiner individuellen Entwicklung zu sehen. Nur weil ihr Sohn noch nicht krabbelte/sich hochzog/nach einem Ball griff hieß das doch nicht, dass diese Entwicklungsschritte nicht ganz bald von ihm gemeistert werden würden. Andererseits konnte er vielleicht Dinge, die meine Tochter noch nicht erlernt hatte – nur, dass sie nicht so offensichtlich waren wie Bewegungsabläufe.

Der Junge ist – ebenso wie meine große Tochter – mittlerweile ein Teenager und ich vermute mal, dass er sämtliche Entwicklungsschritte eines Kindes durchlaufen und gemeistert hat. Warum ich euch diese Geschichte also erzählt habe? Weil die Vergleiche zwischen Kindern dennoch nie aufgehört haben. Und sie 2020 noch genau so unsinnig sind, wie sie es 2005 waren.

Vergleiche auf dem Spielplatz

Spielplatz Sommer 2020: Meine Zwillingsmädchen sind fünf Jahre alt. Sie klettern, hüpfen, springen, lachen und jauchzen auf Spielplätzen genauso, wie es meiner Meinung nach sein sollte. Freundlich lächelnd wende ich mich einer anderen Mutter zu, die mich anspricht und nach dem Alter meiner beiden Mädels fragt. Ich gebe ihr die entsprechende Antwort und ihre Augen weiten sich in einem nonverbalen Oooh. Meinen fragenden Blick beantwortet sie mit einem „Die beiden sind aber ganz schön groß für ihr Alter, oder?“.

Ja, vielleicht sind sie das. Vielleicht haben sie auch 100 Haare zuviel auf dem Kopf. Vielleicht lässt sich ihr rechter Daumen weiter spreizen als der linke. Das sind viele „vielleichts“, die für mich mit Sicherheit nur eins ergeben: Es ist egal. So wie das eine Kind gerade noch „zu klein“ ist, ist das andere „zu groß“. Doch wer will das eigentlich beurteilen? Eventuell gibt es da die Richtwerte im gelben Vorsorgeheft als Anhaltspunkt, aber das Leben lässt sich halt nicht in Regularien pressen. Zum Glück.

Vergleiche verunsichern – Eltern und Kinder

Was mich an solchen Aussagen stört ist der Unterton, der in ihnen mitschwingt. Für mich klingt das wie eine Mischung aus Ist das normal? und Sollte man da nicht was machen?. In meinem ersten Beispiel war die Mutter verunsichert, denn sie hat die Fähigkeiten ihres Babys mit denen anderer verglichen. Dabei hat, in ihrem Bewertungssystem, ihr Kind schlechter abgeschnitten als andere und diese Feststellung hat sie in Sorge versetzt. Dabei ist beim Elternsein doch nichts wichtiger als das bedingungslose Vertrauen in die Fähigkeiten des eigenen Kindes und die unerschütterliche Zuversicht darauf, dass das Kind sich in seinem ganz eigenen Tempo entwickeln wird.

Versteht mich nicht falsch: Natürlich müssen Entwicklungsverzögerungen, die Eltern bemerken, vom Kinderarzt abgeklärt werden. Dieser wird professionell den Entwicklungsstand testen und das Kind bekommt die Unterstützung, die es benötigt. Das ist wichtig und wird durch regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen zumeist sehr gut gewährleistet.

Doch kein Elternteil braucht die Verunsicherung, die alltägliche und zumeist ungefragte Vergleiche von Kindern mit sich bringen. Alle meine Kinder sind recht groß und ich gehe davon aus, dass meine Zwillinge mit 15 wahrscheinlich zu den Größten ihrer Schulklasse gehören werden. Zumindest dann, wenn sie sich ähnlich wie ihre große Schwester entwickeln werden. Na und? Groß sein ist doch toll, auch als Mädchen! Nach vier Kindern verunsichern mich Kommentare von anderen Müttern oder Vätern nicht mehr. Aber ich weiß, wie anfällig gerade junge Eltern für solche Äußerungen sind.

Ich möchte euch gerne sagen: Eure Kinder sind perfekt genau so, wie sie jetzt gerade sind. Sie sind wunderbare Wesen, die alle Fähigkeiten bereits in sich tragen. Diese Fähigkeiten werden sich ganz sicher entfalten und somit einen Entwicklungsschritt nach dem anderen ermöglichen. Doch sie entfalten sich nicht bei jedem Menschen zum gleichen Zeitpunkt. Mal geht das eine schneller, mal dauert das andere länger. Letztlich wird sich jede Fähigkeit unweigerlich ihren Weg bahnen und euer Kind zu einem großartigen Menschen reifen lassen.

Lasst den Kindern ihre Individualität!

Kinder sind Individuen und haben das Recht, als eigenständige Persönlichkeiten behandelt zu werden. Vergleiche schaden da nur – und zwar Kindern und Eltern gleichermaßen. Als Eltern könnt ihr mit eurer bedingungslosen Liebe und der Zugewandheit zu eurem Kind die besten Bedingungen schaffen, um es optimal zu fördern. Habt Vertrauen in euch und eure Kinder. Euer Kind ist ein Unikat mit ganz eigenen Talenten. Gebt ihm mit eurer Erziehung die sichere Basis, um diese in seinem Tempo ausprobieren und entwickeln zu dürfen. Ganz individuell und vielleicht auch ganz anders, als die anderen. Das ist ok, das ist sogar gut.

Denn was wäre eine Gesellschaft, in der alle Menschen gleich ticken?

Habt ihr auch schon Erfahrungen mit Vergleichen von Kindern gemacht? Erzählt doch mal, ich bin gespannt!

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  1. Die Situation hatte ich so ähnlich auch in der Krabbelgruppe, weil mein Sohn mit sieben Monaten noch nicht krabbeln konnte.
    Als Erzieherin wusste ich, dass jeder sein eigenes Tempo hat – verunsichert hat es mich aber dennoch.

    Leider geht es ja das ganze Leben so weiter – selbst Erwachsene fragen sich untereinander was sie morgen anders machen können, damit sie morgen einen Ticken besser sind als heute.
    Es scheint als ginge es nur noch um höher, schneller, weiter und nicht ums einfach nur sein.
    Glücklich zu sein.
    Dankbar zu sein

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