Zwillinge

Zwillinge trennen in Kindergarten und Schule? Erfahrungen einer Zwillingsmama & Lehrerin

Oktober 15, 2018

Vor kurzem sagte die Erzieherin meiner dreijährigen Zwillinge einen kurzen, aber einprägsamen Satz: „Also die beiden, die müssen in der Schule auf jeden Fall getrennt werden!“ Sie meinte damit 5-jährige Zwillingsjungs, die oft wild und ungestüm sind, gerne auf dem Boden rollen und über ein gewisses Repertoire an Schimpfwörtern verfügen.

Dieser Satz hallte lange bei mir nach. Schließlich habe ich selber Zwillinge und bin Grundschullehrerin, mich betrifft dieses Thema also sowohl privat, als auch beruflich. Hätte ich also die Erzieherin in ihrer Aussage bestätigen sollen? Oder doch eher korrigieren?

Zwillinge im Kindergarten

Seit meine Zwillingsmädchen anderthalb Jahre alt sind, besuchen sie eine Kita. Für mich hat sich in diesem frühen Alter nie die Frage gestellt, ob ich sie trennen sollte oder nicht. Eine erzwungene Trennung wäre für mich definitiv ein Grund gewesen, diese Kitaeinrichtung zu meiden. Doch diesbezüglich gab es überhaupt keine Diskussion und die beiden sind seitdem glücklich gemeinsam in einer Gruppe.

Mittlerweile habe ich allerdings auch von Müttern gehört, deren Zwillinge bereits im Kindergartenalter getrennte Gruppen besuchen. Gleiche Einrichtung, andere Bezugspersonen also. Die Gründe dafür sind ganz unterschiedlich.

Trennung im Kindergartenalter

Teilweise sind es die Betreuungseinrichtungen, die für separate Gruppen plädieren. Manchmal aus organisatorischen Gründen (eine Gruppe ist bereits zu voll, schlechter Personalschlüssel), manchmal aus pädagogischen Gründen:
– Die Persönlichkeit des einzelnen Kindes könne sich besser entfalten, wenn es ohne das Geschwisterkind den Kitaalltag erlebt
– Neue Freundschaften können eher geschlossen werden, wenn der andere Zwilling nicht immer dabei ist
– Eine individuelle Entwicklung kann leichter voranschreiten, wenn das Kind sich nicht am Geschwister orientiert.

In einigen Fällen sind es aber im Kleinkindalter auch die Eltern, die sich für eine Trennung ihrer Zwillinge einsetzen. Sie befürchten zum einen, dass sich die beiden gegenseitig in ihrer Entwicklung hemmen. Zum anderen wird ein Zwilling häufig als „Ton angebend“ empfunden, wohingegen das Geschwisterkind sich unterordnet.

Ich kann die Bedenken dieser Eltern in gewisser Hinsicht nachvollziehen. Sie möchten ihren Kindern gleiche Chancen ermöglichen und hoffen, dass eine Trennung letztlich beiden Kindern guttut.

Dennoch teile ich diese Ansicht nicht

Zwillinge, die mit einem, zwei oder auch drei Jahren in die Kita kommen, kennen ihr Leben nur gemeinsam mit dem Zwillingsbruder oder der Zwillingsschwester. Seit dem ersten Moment ihres Bewusstseins ist da jemand, mit dem man auch ohne Worte kommunizieren kann. Dessen Nähe nachweislich beruhigt. Der einfach dazu gehört, weil er immer da ist. Und, ganz wichtig, der Sicherheit gibt.

In diesem jungen Alter würde ich auch keine Unterscheidung bzgl. der Ein- oder Zweieiigkeit vornehmen. Mag sein, dass sich zweieiige Zwillingspärchen im Laufe ihres Lebens eher aus den Augen verlieren, als dies bei eineiigen Mädchen oder Jungen der Fall ist. Im Kleinkindalter ist das nicht relevant. Da ist der Zwilling einfach die andere Hälfte, ohne die etwas fehlt. Dieses Vertrauen auf ihren Wegbegleiter hätte ich meinen beiden Mädchen nicht nehmen wollen.

Gemeinsam die Welt entdecken

Zudem sollte es selbstverständlich sein, dass Erzieherinnen auch Zwillinge als Individuen betrachten. Als eigenständige Persönlichkeiten, die ihr eigenes Tempo haben, die eigene Stärken und Schwächen in sich vereinen. Genau so, wie jeder andere Mensch eben auch.

Zwillinge in der Grundschule

Einige Grundschulen geben prinzipiell vor, Zwillinge in verschiedenen Klassen unterzubringen. Andere suchen das Gespräch mit den Eltern, um gemeinsam zu entscheiden, welches der beste Weg für die Kinder ist.
Ich habe bisher noch an keiner Schule gearbeitet, an der eine Trennung Pflicht war und ich würde diese auch nicht befürworten. Zumindest nicht als Verallgemeinerung und als Dogma, welches erfüllt werden muss.

Natürlich haben Zwillinge bis zum Schuleintritt eine größere innere Stabilität entwickelt, als dies zu Beginn der Kitazeit der Fall war. Sie verstehen nun auch intellektuell mehr und können besser artikulieren, was ihnen guttut und was nicht.

Daher halte ich es für wichtig, die Wünsche der Kinder bei der Klassenzuordnung ebenso zu berücksichtigen, wie die der Eltern. Das heißt nicht, dass sechsjährigen die alleinige Entscheidung über ihre Jahre in der Grundschule gewährt wird. Es sollte ihnen jedoch verdeutlicht werden, dass ihre Meinung zählt, dass ihre Gefühle respektiert werden und dass sie ein Mitspracherecht haben.

Zusammen oder getrennt?

Aus meiner praktischen Erfahrung kenne ich sowohl getrennt, als auch gemeinsam unterrichtete Zwillinge. Bei einem Zwillingspärchen hatte der Junge wegen guter Leistungen eine Klasse übersprungen. Die Kinder waren zu diesem Zeitpunkt in der dritten und vierten Klasse und fühlten sich in ihren jeweiligen Lerngruppen wohl, so dass die Trennung absolut problemlos war.

Bei einem anderen Beispiel handelt es sich um eineiige Zwillingsmädchen, die auf den ausdrücklichen Wunsch der Mutter auch dann noch gemeinsam in einer Klasse blieben, als sich ihre Leistungen in der zweiten Klasse entgegengesetzt entwickelten. Sie waren also zusammen, doch ihre Individualität blieb dabei auf der Strecke.

Eine definitive Aussage, ob Zwillinge in der Grundschule getrennt werden sollten oder nicht, lässt sich also nicht pauschal treffen. Zu individuell sind die Geschwister-Konstellationen, als dass von vornherein eine allgemeingültige Regel umgesetzt werden könnte. Einzelfallanalyse heißt das Zauberwort!

Übergang zur Oberschule

In Berlin beginnt die Oberschule mit der 7. Klasse. Die Kinder sind dann zumeist 12 Jahre alt und können nun eigenständig entscheiden, ob sie gemeinsam mit ihrem Zwilling eine Klasse besuchen möchten, oder lieber alleine.

Hierzu die kleine Anekdote einer Zwillingsmama, deren Mädels unbedingt in verschiedene Klassen der Oberschule gehen wollten: „Meine Mädchen waren immer ein Herz und eine Seele, aber als sie 11/12 Jahre alt waren änderte sich das. Sie wollten zwar auf die gleiche Schule gehen, aber unbedingt in unterschiedliche Klassen.

Sie fingen an, ihr gemeinsames Kinderzimmer zu räumen und die eine zog in einen winzigen Raum, um Ruhe für sich zu haben. Irgendwie machte mich das traurig denn ich hatte das Gefühl, dass sich ihre bisherige Verbundenheit auflösen würde.

Eines Abends, es war schon recht spät, wollte ich ihnen Gute Nacht sagen. Doch das Zimmer meiner einen Tochter war leer. Ich wunderte mich und schaute nach, ob die andere wohl noch da wäre. Und da waren sie beide: Eng aneinander gekuschelt schliefen sie selig und holten offensichtlich die Nähe nach, die ihnen am Tag unbewusst fehlte.“

Jetzt bin ich gespannt auf eure Erfahrungen mit diesem Thema: Habt ihr eure Zwillinge getrennt? Wenn ja – wann? Oder käme das für euch überhaupt nicht in Frage? Ich freue mich auf eure Antworten im Kommentarfeld unter dem Beitrag!

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Viele weitere spannende Berichte rund um das Thema Zwillinge findet ihr übrigens auch hier. Viel Spaß beim Schmökern 🙂

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  1. Ich bin auch GS-Lehrerin und Zwillingsmama von zwei 1-jährigen Mädchen.
    Und ich denke wie du: Auf die Kinder kommt es an. Bei manchen klappts prima in einer Klasse, andere sind besser getrennt aufgehoben.
    Was für mich allerdings zusätzlich für eine Trennung spricht ist gerade der kommunikative Austauach über den Tag. Ich finde es positiv, wenn unterschiedliche Erfahrungen zB in der Schule gemacht werden und sich dann darüber neim Mittagessen ausgetauscht werden kann.

    Für meine Mädels werde ich ggf gar nicht bzw nur teilweise selbst entscheiden können. Die Kita hier in Dorf hat nur eine Nestgruppe. Das Kita-Konzept in den Ü3-Gruppen ist teiloffen, sodass bedes Kind mit jedem jederzeit spielen kann. Und die hiesige Grundschule bildet meist nur eine Eingangsklasse… da sind dann alle Überlegungen hinfällig.

    1. Hi Alexa, absolut, jeder Fall ist individuell und letztlich geht es immer um das Wohl der Kinder. Als Großstädterin hat man natürlich viel mehr Auswahl, was aber auch nicht immer leicht ist.
      Ich wünsche dir und deinen Beiden alles Gute und freue mich, wenn du auch zukünftig meine Zwillingsberichte kommentierst – als Fachfrau und als Mama 😊 LG, Viola

  2. Wir haben sie zusammen gelassen. Obwohl man uns geraten hat, sie zu trennen…
    Die stabile Bindung war der Kita egal, das war so ein generelles Ding für Sie.

    Wir haben uns eingesetzt und heute sagen Sie … Das war eine gute Entscheidung.

    Wir waren einfach der Meinung, dass es mit 3 Jahren zu früh ist und sie sich selbst voneinander abkapseln sollen, wenn sie es irgendwann möchten…
    Sie haben beide andere Spielpartner und keiner dominiert keinen.
    Sie helfen sich gegenseitig und anderen Kindern sehr gerne. Sie streiten miteinander genauso wie mit anderen Kindern.
    Sie teilen miteinander und auch mit anderen Kindern. Sie lieben sich aber sind nicht abhängig voneinander …und das Wichtigste für uns war, dass sie sich immer Sicherheit geben…
    Wenn diese Punkte nicht so wären, würde ich drüber nachdenken.
    Aber warum soll ich sie trennen?
    Weil eine Kita Leitung mir das vorschlägt? Sie nimmt die Kinder nur bis 6 Jahren wahr. Was einst aus diesen 6 jährigen werden wird, weiß sie nicht.
    Es sind Zwillinge, sie müssen auch lernen miteinander zurecht zu kommen bzw. aufeinander klar zu kommen. Je früher Sie das abgeschlossen haben, können Sie ihren Weg gehen.

    Wir haben viele viele Zwillinge in beiden Familien, u.a. Eltern und Geschwister. Fakt ist: Alle “getrennten” sind voll aufeinander fixiert. Und haben totale Verlustängste oder sind Kontrollfreaks.
    So ähnlich sagt auch die statistische Auswertung von einem bekannten Institut, dessen Namen ich gerade vergessen habe. 😁😂🤣
    LG, Derya Eberhardt
    Erzieherin, Mutter von 4 jährigen Zwillingsmädchen und aktuell wieder schwanger mit Zwillingsjungs.

    1. Liebe Derya,
      vielen Dank für deinen wunderbaren Kommentar! Du hast deine Meinung mit so viel Herzblut und Erfahrung vertreten, das finde ich ganz toll! Wie spannend, dass du nochmal Zwillinge erwartest, von Herzen alles Gute für dich und die Minis🍀 LG, Viola

  3. Hallo,
    ich bin Andrea und habe fast 7jährige Zwillinge, einen Jungen und ein Mädchen. Die beiden sind dieses Jahr in die Schule gekommen; auf meinen Wunsch hin in dieselbe Klasse.
    Im Kindergarten waren sie auch in der gleichen Gruppe, was mal mehr und mal weniger gut geklappt hat (die hatten eine Zeitlang sogar das Verbot, im selben Raum zu spielen, weil sie sich nur gezankt haben). Mein Sohn “versteckt” sich gern hinter seiner Schwester und schickt sie oft vor; er ist eher introvertiert, wenn auch nicht wirklich schüchtern oder so, das ist echt schwer zu erklären. Meine Tochter ist das genaue Gegenteil; sie redet mit JEDEM, gern+viel und ist sehr offen allem und jedem gegenüber.
    Deswegen habe ich zunächst überlegt, sie in der Schule zu trennen (im KiGa war man, wie ich, der Meinung, dass beide Varianten ihre Vor-und Nachteile haben), habe mich aber letztendlich dagegen entschieden: zum einen fand ich, dass der Übergang zur Schule schon so eine heftige Veränderung im Leben darstellt, dass ich ihnen nicht auch noch zumuten wollte, sich ohne den anderen ganz neu “sortieren” zu müssen. Zum anderen waren es rein pragmatische Gründe, dass ich die Befürchtung hatte, dass sich zu viele Termine miteinander und mit meiner Arbeit überschneiden würden.
    Bislang geht es überraschend gut (nur zu Hause…puuuh…Zankerei wie eh und je und zusammen Hausaufgaben machen ist ein Ding der Unmöglichkeit, auch wenn ich natürlich dabei/in der Nähe sitze); ich warte nur noch (sehnsüchtig ) darauf, dass mein Sohn eigene Freundschaften mit Jungs schließt und nicht nur mit denen spielt, die seine Schwester anschleppt.

    1. Hallo Andrea, da hast du dir ja wirklich schon sehr viele Gedanken um dieses Thema gemacht. Kann ich verstehen, als Mama möchtest du natürlich, dass beide ihren Raum zum Entfalten haben. Ich wünsche dir und deinem Sohn, dass er sich gut in seinem Tempo weiter entwickelt — und auch, dass die Streitigkeiten bald weniger werden… Alles Gute für euch, Viola

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